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Verbot der Abrechnung von NGS-Analysen (Hochdurchsatz-Sequenzierung) über Überweisungsschein

 

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

 

ich wende mich als Vertreter des Berufsverbandes Deutscher Humangenetiker e.V. /BVDH, der über 90% der in der Patientenversorgung tätigen Humangenetiker vertritt, an Sie, um Sie auf wichtige und für uns sehr dringliche Aspekte der NGS-Diagnostik hinzuweisen.

 

Die moderne Hochdurchsatz-Sequenzierung (Next Generation Sequencing/NGS) ist ein neues Verfahren, dass insbesondere zur Klärung schwerer frühkindlicher Epilepsien sowie von Hirnstrukturanomalien geeignet ist, da diese Erkrankungen zwar häufig eine genetische Ursache haben, dabei aber äußerst heterogen sind. Deshalb ist eine direkte Zuordnung der Epilepsie bzw. Hirnstrukturanomalie zu einem spezifischen Gen und insbesondere zu einer spezifischen Mutation nicht möglich.

 

Leider ist es dem BVDH in zahlreichen Gesprächen mit den Krankenkassen bisher nicht gelungen, diese Leistungen in den Katalog des EBM aufzunehmen. Die Krankenkassen verweigern die für diese Untersuchungen erforderlichen zusätzlichen Mittel.

 

Trotzdem werden NGS-Panel-Analysen bereits von zahlreichen Neuropädiatern für ihre Patienten veranlasst. Wir sehen die Notwendigkeit der Untersuchungen, möchten Sie aber darauf hinweisen, dass eine solche Diagnostik keine Regelleistung der gesetzlichen Krankenkassen ist, sondern bisher noch jeweils als Einzelfallleistung beantragt werden muss. Andere Aussagen, die insbesondere von Einsendelaboren aus Süddeutschland getätigt werden, sind falsch.

 

Die KV-Baden-Württemberg hat in einem Rundschreiben an die Vertragsärzte in Ihrem Bereich vom April 2014 ausdrücklich darauf hingewiesen, dass eine NGS-Sequenzierung nicht als Regelleistung über einen Überweisungsschein abgerechneten werden kann. Ergänzend wird von der Kassenärztlichen Vereinigung Folgendes betont:

„Nachdem nun solche Diagnostik-Panels außerhalb Abschnitt 11.4 EBM nicht abrechenbar sind, dürfen die ausführenden Labore auch nicht anbieten, auf eine Abrechnung der Panels zu verzichten, dafür jedoch die konventionelle „Nachsequenzierung“ zu übernehmen und diese dann vertragsärztlich abzurechnen. Es ist daher vertragsärztlich auch nicht zulässig, entsprechende Untersuchungen zu beauftragen.“

Die Erbringung von NGS-Analysen über eine Überweisung führt im Moment zu einem massiven Punktwertverfall in der Humangenetik. Dies führt dazu, dass kurzfristig insbesondere kleinere, klinisch orientierte humangenetische Einrichtungen schließen müssen und damit auch nicht mehr für die klinischgenetischen Untersuchungen und Beratungen vor Ort zur Verfügung stehen.

 

Wir möchten Sie eindringlich bitten, den Erhalt der humangenetischen Krankenversorgung in der Fläche zu unterstützen und rechtswidrige und unsolidarische Abrechnungspraktiken nicht zu tolerieren oder gar zu fördern.

 

Wir sind wie Sie der Meinung, dass die NGS-Panel-Sequenzierung ein wichtiger Bestandteil der Diagnostik für schwererkrankte Kinder ist. Der BVDH hat zusammen mit der wissenschaftlichen Fachgesellschaft, der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik (GfH), Indikationskriterien für typische-NGS-Analysen formuliert. Diese können Sie hier finden und für die Antragstellung bei den Krankenkassen verwenden.

 

Im Moment erlebt die Humangenetik eine große Umwälzung, dabei führt eine exzessive Ausweitung der molekulargenetischen Diagnostik in vielen Bereichen, zum Beispiel auch der Tumorgenetik und der Pharmagenetik, zu einem massiven Verfall der Punktwerte. Es ist, entgegen verschiedener Äußerungen, nicht richtig, dass die NGS-Diagnostik zu Einsparungen führt. Vielmehr wird mit dem NGS überhaupt erst eine Diagnostik bei Erkrankungen durchgeführt, die vorher gar nicht molekular abgeklärt werden konnten. Damit entstehen neue Kosten. Eine Verschiebung des bislang Verfügung stehenden Honorars auf die NGS-Diagnostik gefährdet die Erbringung „normaler“ Leistungen wie z.B. konventionelle Chromosomenanalysen bei Verdacht auf Down-Syndrom, gezielte Mutationsanalysen bei M. Duchenne oder Cystischer Fibrose und schließlich die gesamte humangenetische Beratung.

 

Wir bitten Sie nochmals, bis zu einer entsprechenden Änderung des EBM, eine NGS-Analyse ausschließlich als Einzelfallleistung bei den Krankenkassen direkt zu beantragen und uns bei unserer berufspolitischen Forderung der Aufnahme des NGS in den EBM bei gleichzeitiger Bereitstellung der notwendigen Mittel zu unterstützen.

 

Der BVDH steht Ihnen über seine Geschäftsstelle in Berlin, seine Vorstandsmitglieder und seine Landesverbände für weitere Informationen gerne zur Verfügung. Kompetente Gesprächspartner mit Kenntnissen der Situation sind aber insbesondere die Fachärztinnen und Fachärzte für Humangenetik Ihrer Region, die Sie nicht nur im Rahmen dieser berufspolitischen Aktion, sondern in allen klinisch-genetisch Fragen jederzeit beraten.

 

Mit freundlichen Grüßen
Dr. med. Nicolai Kohlschmidt
Präsident BVDH e.V.